Welcome to planet HDR

Überblick

Wer zum ersten Mal vor einem ‚Little Planet‘ sitzt oder steht, fragt sich beim meistens, was er oder sie da eigentlich zu sehen bekommt, anschliessend vermuten fast alle irgendwelche Tricks oder abgefahrenes Equipment und zu guter Letzt wollen sie es dann ganz genau wissen..
Was genau sind also ‚Little Planets‘ und wie werden sie gemacht..?
Der Ausdruck ‚Little Planets‘ bezeichnet eine bestimmte Projektionsart von sphärischen 360° Panoramen. Diese Art der Panoramen werden ja oft in speziellen Playern als interaktive Panoramen dargestellt und mit allen möglichen Features versehen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Seite Regensburg entdecken. Aber mit den Daten eines vollsphärischen Panoramas kann man noch mehr anstellen. Die Panoramasoftware klebt ja im Prinzip alle Einzelbilder von innen an eine imaginäre Kugel. Bei einem interaktiven Panorama ist dann das Auge des Betrachters im Zentrum dieser Kugel und kann sich in alle Richtungen drehen. Wenn man nun den Betrachter an den Himmel (Zenith) hängt und senkrecht nach unten auf das Zentrum der Kugel blicken lässt, dann erhält man durch geschickte Projektion des Kugelinhalts auf eine ebene Fläche die Darstellung, die als ‚Little Planet‘ oder im Fachjargon ‚Stereographic down‘ bezeichnet wird.

Generelle Aufnahmetechnik

Wie eingangs erwähnt, handelt es sich bei den ‚Little Planets‘ um vollsphärische Panoramen. Das bedeutet, es müssen Bilder ‚in alle Richtungen‘ gemacht werden. Dies wiederum bedeutet, dass ein spezieller Panoramakopf auf dem Stativ benötigt wird. Aber mal ganz langsam und von Anfang an:
Um ein Panorama ohne Parallaxverschiebungsprobleme (Probleme beim Stitchen der Einzelbilder) aufzunehmen, benötigt man einen Stativkopf, bei dem man die Kamera um den Nodalpunkt drehen kann. Will man mehrreihige und/oder vollsphärische Panoramen aufnehmen, benötigt man einen Stativkopf, der sich zusätzlich nicht nur in der horizontalen, sondern auch in der vertikalen Ebene um den Nodalpunkt drehen lässt. Diese Köpfe gehen von ‚ganz billig‘ (Baumarkt-Eigenbau) über ‚erschwinglich mit Einbußen‘ (Panosaurus) bis hin zu ‚verdammt teuer und verdammt gut‘ (Nodal Ninja, Novoflex).
Ich habe einen Panosaurus (wichtig: 2.0), und die erwähnten Einbußen gehen ganz klar in Richtung Stabilität. Er ist stabil genug, aber gerade wenn es ein wenig windig ist und man an einer exponierten Position steht oder man ständig an die Kamera fassen muss, weil man Belichtungsreihen machen will, kann es doch ein wenig wackeln. Aber hier gleich der Hinweis – Die richtige Software (ptgui) richtet es wieder!
Der Panosaurus kommt ohne Nivellierplatte, d.h. er wird auf den Kugelkopf des Stativs geschraubt. Andere Köpfe wie der Nodal Ninja arbeiten mit einer eigenen Nivellierplatte, d.h. die werden direkt auf’s Stativ geschraubt.

Zieht man nun das erste mal mit der kompletten Panorama Ausrüstung los, kann man sich eigentlich sicher sein, dass das Material, dass man nach Hause bringt, Müll ist und sich nicht stitchen lässt. Es gibt da nämlich ein paar Klippen, die es zu umschiffen gilt:

Panoramakopf einrichten

Hat man sich einen Panoramakopf geleistet, muss man ihn für jede Kamera/Objektiv/Brennweitenkombination neu einstellen, d.h. die Kamera in allen drei Raumachsen im Kopf justieren. Dazu gibt es bereits unzählige Tutorials[LINK] (beim Panosaurus kommt das beste vom Hersteller selbst) und Listen mit fertig ausgemessenen Kamera/Objektiv/Brennweite Daten im Netz, deshalb spare ich mir diesen Teil und konzentriere mich auf die Aufnahmetechniken. Gehen wir also ab hier von einem fertig eingerichteten Panoramaequipment aus.

Das passende Motiv

‚Little Planets‘ funktionieren am besten auf weitläufigen Plätzen, die mit hohen Objekten (Gebäude, Bäume, Berge was auch immer) umgeben sind. Ein einzelnes Objekt nahe an der Kamera (Brunnen, Statue, Baum o.ä.) kann als Eyecatcher aus der Mitte des Planeten stechen. Wenn der Platz zu klein und/oder die Häuser zu hoch werden, kann es zu Problemen beim Stitchen und zu Unschärfen im Randbereich kommen – aber auch zu den geilsten Bildern. Oft passiert es dabei, dass man sich große Hoffnungen bei einem Motiv macht, dass dann eher langweilig aussieht, und die auf den ersten Blick unscheinbaren Motive die wahren Schätzchen darstellen. Ein nicht zu vernachlässigender Faktor bei ‚Little Planets‘ ist der Himmel, an dem die Planeten hängen. Wie immer sehen dramatische Wolken, die einen Teil des Himmels bedecken und von der untergehenden Sonne beschienen werden, besser aus als ein strahlend blauer, ein trüb grauer oder ein nachtschwarzer Himmel. Da Sonne und Wolken aber oft die unangenehme Eigenschaft haben, sich zu bewegen, kann dies auch problematisch werden – jaja Galileo, im Fall der Sonne sind wir es, die sich bewegen.

Objektiv gesehen

Panoramafotografie ist gleichzusetzen mit: Große Datenmengen.
Vollsphärische Panoramafotografie ist gleichzusetzen mit: Extrem große Datenmengen.
Vollsphärische HDR Panoramafotografie ist der Datenmengen-Overkill.
Um die Datenmengen im erträglichen Bereich zu halten, empfehle ich daher ein Superweitwinkel oder ein Fisheye – größerer Blickwinkel, weniger Einzelbilder, weniger Daten, weniger Rechenzeit (die übrigens in Stunden gemessen wird).
Ich nutze das 8-16mm Superweitwinkel von Sigma und damit mach ich Bilder an den folgenden Positionen (bei 8mm).
6 Aufnahmen mit 60° horizontalem Abstand in der horizontalen Ebene bei einem vertikalen Winkel von +30°.
6 Aufnahmen mit 60° horizontalemAbstand in der horizontalen Ebene bei einem vertikalen Winkel von -30°.
1 Aufnahme bei 0° in der horizontalen Ebene und einem vertikalen Winkel von +90° (Zenith).
1 Aufnahme bei 0° in der horizontalen Ebene und einem vertikalen Winkel von -90° (Nadir).
1 Aufnahme bei 0° in der horizontalen Ebene, einem vertikalen Winkel von -30° bei der ich das Stativ um ca. 2 Meter nach ‚hinten‘ verschiebe (aber dazu später mehr).
Wenn ich jetzt von Aufnahmen gesprochen habe, bedeutet dies im HDR Fall 3-12 Einzelbilder pro Position.
Das macht bei durchschnittlich 9 Aufnahmen pro HDR 135 Einzelbilder für einen einzigen Planeten.
Deshalb überlege ich schon länger, mir endlich ein Fisheye anzushaffen, denn damit könnte ich die zwei Runden bei +30° und -30° auf eine einzige Runde bei 0° reduzieren, die zudem mit 4 Aufnahmen alle 90° auskommen würde.

Das Nadirbild oder ‚Wie krieg ich dieses Drecksstativ weg‘

Diesem Punkt sollte man gerade bei ‚Little Planets‘ erhöhte Aufmerksamkeit widmen, denn das (nach unten blickende) Nadirbild wird im finalen Bild genau in der Mitte des Planeten und somit im Zentrum des gesamten Bildes liegen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, das Stativ aus dem Nadirbild zu entfernen:

  • Man macht das Nadirbild ‚freihand‘, was bei HDR schonmal komplett ausfällt.
  • Man bastelt an die Stelle des Stativs ein Logo oder einen ‚Mirrorball‘ oder ‚Twirl‘. Diese Workarounds sind mit Photoshop leicht zu bewerkstelligen, aber wenn ich mir schon die maximale Arbeit eines ‚Little Panets‘ in HDR mache, dann soll das Ergebnis nicht mit irgendwelchen Krücken verunstaltet werden.
  • Man nimmt das Nadirbild mit Stativ auf und macht ein zusätliches Bild vom Nadirbereich, bei dem man das Stativ etwas ’nach hinten‘ verschieben und schräg auf die ursprüngliche Nadirposition fotografiert. Dieses verzerrte Nadirbild kann man dann mit der richtigen Software und ‚etwas‘ Handarbeit wieder in das Panorama einbauen. Und wie es immer ist: diese Lösung macht viel Arbeit, aber auch die besten Ergebnisse.
  • In Abhängigkeit vom Untergrund kann es auch reichen, dass Stativ im finalen Bild zu belassen oder in ptgui auszumaskieren. Dann hat man entweder das Stativ oder eine transparente Stelle im finalen Bild, die man dann in Photoshop mit Content Aware Fill und dem guten alten Stempel ausbügeln kann. Klappt super bei z.B. einer Wiese oder Waldboden als Untergrund. Bei z.B. großflächigen, regelmäßigen Steinplatten oder Fließen ist es aufgrund der unterschiedlichen Verzerrungen nahezu unmöglich, das in vertretbarer Zeit zu photoshoppen – ich kann’s zumindestens nicht.

In den meisten Fällen läuft es dabei auf eine Kombination der letzten beiden Möglichkeiten hinaus, d.h. das Nadirbild in ptgui einbauen und dann mit Photoshop das Feintuning machen.

Die Füße auf den Boden bringen

In Anbetracht des letzten Kapitels sollte man sich bereits bei der Aufnahme Gedanken darüber machen, wie und wo man das Stativ aufstellt. Als kleiner Vorgriff – es wird später nötig sein, im Bereich des Stativs manuell Kontrollpunkte zu setzen. Deshalb sollte man darauf achten, dass sich im Stativbereich Objekte befinden, die sich später wieder zuordnen lassen. Wenn da nichts ist, kann es auch hilfreich sein, kleine, flache Dinge wie Autoschlüssel oder Objektivdeckel in der Nähe der Staivbeine auf den Boden zu legen und diese im finalen Bild auszustempeln.
Extrem wichtig ist die Ausrichtung des Stativs relativ zum Panoramakopf. Ich habe mir angewöhnt, dass in der 0° (horizontal) Stellung die Objektivachse der Kamera genau in der Mitte zwischen zwei Stativbeinen liegt. Wenn man nämlich bei dem letzten Bild das Stativ ’nach hinten‘ (sprich in die 180° horizontal Richtung) versetzt hat man kein Stativbein in dem Bereich des Ursprungsnadirs und muss weniger weit ’nach hinten‘ ausweichen.
Dabei gleich der Hinweis: Das manuelle Setzen der Kontrollpunkte später wird zwischen dem ‚echten‘ Nadirbild und dem ’nach hinten‘ verschobenen Nadirbild nötig sein. Deshalb ist es extrem wichtig, das diese beiden Bilder die gleiche Ausrichtung haben. Wenn man z.B. auf einem Fließenboden steht und dann zusätzlich zur Verkippung auch noch eine Verdrehung ausgleichen muss, tut man sich erst selbst schwerer beim Setzen der Kontrollpunkte und aunschliessend die Software beim Matchen der Bilder.

Little HDR Planets

Wem das Erstellen von normalen ‚Little Planets‘ noch nicht genügt, der kann diese natürlich auch in HDR machen. ptgui unterstützt einen dabei fast perfekt, vorausgesetzt man hat einen echt schnellen Rechner und Unmengen von RAM. Bei normalen HDRs mache ich ja lieber ein paar Aufnahmen mehr als zu wenig – damit hat ptgui aber richtig Probleme. Es kann in den fast schwarzen bzw. fast weißen Bildern nicht mehr genug Kontrollpunkte setzen um diese auf alle Bilder zu matchen. Also nehmt ruhig die HDRs auf wie gewohnt (Stichwort Standardbelichtungsreihen), aber füttert ptgui nur mit den ‚wertvollen‘ Einzelbildern. Auch die Arbeitsgeschwindigkeit steigt wieder, wenn man z.B. statt 12 Einzelbilder pro HDR nur 4-6 nimmt. Wobei ich jetzt hier von der ‚Vorarbeit‘ spreche, sobald ptgui wirklich anfängt zu rechnen, solltet ihr alles andere auf diesem Rechner stoppen und den Rechner in Ruhe an einem kühlen Ort seine Arbeit verrichten lassen. Die ‚Übernacht-Variante‘ hat sich bei mir als sehr praktikabel erwiesen, denn ptgui kann Projekte, bei denen die komplette Vorarbeit erledigt ist, im Batchmodus durchrechnen.

Aufnahme Fahrplan

Nach all dem Vorgeplenkel sieht der Ablauf nun folgendermaßen aus (ausgehend von meinem Equipment):

  • Ein passendes Motiv finden
  • Stativ mit zwei Beinen ’nach vorne‘ (in 0° horizontal) aufstellen.
  • 0° horizontal Richtung des Panoramakopfes mit dem Stativ gleichrichten.
  • Kamera in Panoramakopf schnallen.
  • Panoramakopf mittels Wasserwaage über den Kugelkopf in der Horizontalen ungefähr ausrichten (da wir vollsphärisch arbeiten ist hier nicht ganz so viel Präzision gefordert.)
  • Objektiv auf 8 mm stellen.
  • Verifizieren, dass die Einstellungen am Panoramakopf zu Kamera, Objektiv und Brennweite passen (Ein Zettel mit entsprechenden für die gebräuchlichsten Kombis in der Fototasche wird dringend empfohlen).
  • Checken, dass auf der aktuellen Speicherkarten noch genug Platz ist und der Akku genug Ladung hat. Es nervt tierisch, wenn man beim vorletzten Bild das Stativ verrutscht, weil man beim Öffnen des Akkufachs abgerutscht ist.
  • Belichtungsreihe festlegen. Diese Belichtungsreihe wird für ALLE Einzelbilder hergenommen.
  • Stativ bei 0° horizontal auf Zenith (+90° vertikal) stellen, Belichtungsreihe aufnehmen.
  • Stativ auf 0° horizontal +30° vertikal stellen, 6 Belichtungsreihen im 60° Abstand horizontal (0°, 60°, 120°, 180°, 240°, 300°)
  • Stativ auf 0° horizontal -30° vertikal stellen, 6 Belichtungsreihen im 60° Abstand horizontal (0°, 60°, 120°, 180°, 240°, 300°)
  • Stativ bei 0° horizontal in Nadirstellung (-90° vertikal) bringen, Belichtungsreihe aufnehmen.
  • Stativ bei 0° horizontal wie beschrieben ’nach hinten‘ verschieben, vertikal auf -30° stellen, Belichtungsreihe aufnehmen.
  • Markerbild machen, z.B. Hand vors Objektiv, Selbstportrait oder Graukarte – enorme Erleichterung beim späteren Sortieren der Bildermassen.
  • Das wars!

Das Kleingedruckte

  • Bei der Reihenfolge der Aufnahmen ist vor allem wichtig, Zenith und +30° Reihe in möglichst kurzem Abstand zu machen, denn hier hat man fast immer Himmel, der möglicherweise ziehende Wolken enthält – und wenn zwischen diesen Bilder zuviel Abstand ist, gibt das nur Probleme beim Stitchen.
  • Beim Stativaufbau solltet ihr noch arauf achten, dass die Kamera ca. in 1,20m bis 1,50m Höhe hängt. Ich neige dazu, bei meinem Stativ nur einen der beiden Auszüge zu nutzen, denn bei den vollen 1,70m + Kugelkopf + Panosaurus ist das Arbeiten in der -30° und der Nadir Stellung echt unkomfortabel, weil die Kamera dann ein gutes Stück ‚überkopf‘ hängt (und ich bin 1,90m groß). Der eigentliche Hauptgrund ist aber, dass so bei den extremen Weitwinkel-Brennweiten weniger Stativ auf den Bildern ist, dass später wegretuschiert werden muss.
  • Bei der Aufnahme des Nadirbilds sollte man übrigens darauf achten, dass zum einen weder Kabelauslöser und Kameragurt ins Bild hängen, und das man zum anderen weit genug entfernt steht, dass man nicht die eigenen Füße aufs Bild bannt.
  • Was man generell zu den Aufnahmen unbedingt mitnehmen sollte ist Zeit, den gerade in der Dämmerung oder nachts steht man doch relativ lang an einer Stelle. Rechnet’s euch aus – bei einer Belichtungsreihe 1s, 2s, 4s, 8s, 15s und 30s ist die reine Aufnahmezeit schon 1 Minute pro Einzelbild. Macht bei 15 Einzelbildern eine Viertelstunde. Nimmt man noch die Zeiten für Auf-, Um- und Abbau dazu, kommt man schnell auf das Doppelte. Und wenn man dann zwischen einigen Aufnahmen noch warten muss, weil Passanten, Autos, Busse o.ä. im Weg stehen, kann man auch schonmal an der Stundengrenze kratzen. Ein IPod und eine gute Podcastsammlung helfen da enorm.
  • Übrigens: So lange euch der Aufnahme-Ablauf nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist, sollte man auch nicht weiterschießen, während man von neugierigen Passanten ausgefragt wird, was man da macht – und das passiert eigentlich immer (Versteht mich nicht falsch, es spricht ja nichts gegen ein wenig Fachsimpeln, aber es lenkt halt total ab). Und fehlt, weil man abgelenkt war, am Schluss auch nur ein einziges benötigtes Bild oder ist mit den falschen Einstellungen geschossen worden, ist die ganze Arbeit für die Katz‘ gewesen (Wusstet ihr eigentlich, dass dieses Sprichwort im Englischen ‚for the birds‘ heißt). Also lieber noch ein paar Minuten Laberpäuschen pro Bild einplanen.
  • Wenn man sich jetzt überlegt, dass die ‚blaue Stunde‘ in unseren Breitengraden eher eine ‚blaue halbe Stunde‘ ist, kann man sich ausrechnen, wie viele ‚Little Planets‘ man da schafft. Und Nachts stößt man auf ein anderes Problem. Muss man den Bulb Modus der Kamera nutzen und manuell z.B. 60s und 120s Belichtungen machen, erkennt ptgui das aufgrund der entstehenden Abweichungen nicht mehr als ‚Einzelbilder gleicher Belichtung‘. Das bedeutet also Blende öffnen und/oder ISO hochschrauben – wobei letzteres bei HDR zu vermeiden ist. Alternativ kauft man sich eine HDR Promote Control, wenn’s der Geldbeutel hergibt. Aber vielleicht kommt ja auch irgendwann mein ‚Trigger Happy‘ an.

Home sweet home

Irgendwann kommt man dann nach Hause mit prall gefüllten Speicherkarten. Import, Sortierung und RAW Bearbeitung bleiben gleich wie bei meinem normalen HDR Workflow, nur dass es eben 15x so viel Einzelbilder sind. Das bedeutet, am Ende dieser ungeliebten Vorarbeit sind alle Planeten-Rohdaten in einzelne Verzeichnisse sortiert und die entsprechenden jpg Exporte aus Lightroom sind auch schon getätigt. Fangt hier nicht mit tiffs an, so viel RAM könnt ihr gar nicht haben!!!

Ptgui betritt die Bühne

Wir steigen also an der Stelle ein, wo ihr Lightroom beendet und ptgui öffnet. Wenn ihr alles richtig gemacht habt, könnt ihr jetzt alle Ausgangsbilder eines Planeten importieren und ptgui erkennt, dass es sich um ein HDR Panorama handelt – wenn nicht, stimmt vermutlich etwas mit den Belichtungsreihen nicht (Ihr habt euch bei der Aufnahme doch verplaudert). Zu diesem Zeitpunkt gehe ich normalerweise den ersten Kaffee trinken. Wenn alle Bilder importiert sind, wählt ihr die automatische Erkennung der Brennweite ab, denn ptgui erkennt standardmäßig alles unter 15mm als Fisheye – also lieber manuell eintragen (inklusive Crop-Faktor). Dann klickt ihr auf ‚Align Images‘ und geht einen weiteren Kaffee trinken. Je nach Potenz eures Rechners auch gerne außer Haus. Irgendwann öffnet sich dann entweder der Panorama Viewer (Herzlichen Glückwunsch) oder der Kontrollpunktassistent (Das kann häßlich werden). Sollte der Kontrollpunktassistent nur Probleme bei den Nadirbildern melden, kein Problem, da müssen wir eh manuell ran. Sollte er aber Probleme bei anderen Bildern melden, liegt es entweder daran, dass bei der Aufnahme etwas schiefgegangen ist (ganz heiße Kandidaten sind da: Stativ verrutscht oder Verstellung der Brennweite beim Umbau des Panoramakopfes). Alternativ habt ihr es wie oben bereits erwähnt mit den Extremen der Belichtungsreihen überzogen. Im ersten Fall seit ihr jetzt fertig, denn da hilft nur ein weiterer Besuch der Location und eine erneute Aufnahme. Im zweiten Fall lohnt sich nochmal ein Blick in die Liste der Einzelbilder um evtl. die fast komplett schwarzen bzw. weißen Bilder auszusortieren. Ein weiteres Problem an dieser Stelle kann das Zenithbild auf einem großen Platz sein, wenn darauf nur ein blauer oder noch besser schwarzer Himmel ohne Wolken zu sehen ist. In diesem Fall würde ich das Zenithbild entfernen und schauen ob der Himmelsanteil auf den +30° Bilder für den Rand um den Planeten ausreichend ist (was fast immer der Fall ist).
Wenn nun die Kontrollpunkte einigermaßen passen, könnt ihr mal einen Blick in den Panorama Viewer werfen. Bei HDR Panoramen ist die Darstellung grundsätzlich viel zu hell, aber als grober Richtwert, ob das mit Zusammenbau klappen wird, kann man es schon benutzen. Sieht hier alles einigermaßen in Ordnung aus (das Nadirbild darf jetzt noch ‚aus der Reihe tanzen‘) dann schließt ihr den Viewer wieder und macht euch an die Feinarbeit.
Erster Schritt: Das Stativ maskieren.

Unter der Maske

Dazu auf den ersten Tab (Project Assist) zurückwechseln und rechts oben mit dem Button ‚Advanced‘ ein paar zusätzliche Tab einblenden. Unter anderem den ‚Mask‘ Tab. Diesen öffnet ihr jetzt und seht jede Menge Untertabs, genaugenommer ein Tab für jedes einzelne Ausgangsbild jeder einzelnen Belichtungsreihe. Hier dürft ihr jetzt alle Bilder durchgehen und das Stativ mit rot (d.h. Bereich nicht benutzen) maskieren. Andere Bereiche, die auf jeden Fall benutzt werden sollen, können mit Grün markiert werden, was ich aber noch nie gebraucht hab. Zum Glück ist ptgui hier so intelligent und erinnert sich an die Belichtungsreihen, d.h. wenn ihr das Stativ in einem Ausgangsbild maskiert habt, wendet ptgui automatisch die gleiche Maske auf alle Bilder dieser Belichtungsreihe an. Normalerweise müsst ihr die Maskierung in allen -30° Bildern, sowie den beiden Nadirbildern machen. In dem ’nach hinten‘ versetzten Nadirbild solltet ihr sogar alles maskieren, was nicht im ‚Original-Nadir-Bereich‘ liegt. Ist alles maskiert, lohnt sich ein weiterer Blick in den Panoramaviewer – es sollten keine Stativteile mehr zu sehen sein, aber evtl. noch ein Loch an der Stelle des Stativs und das verschobene Nadirbild an der falschen Stelle.

Packt die Lupe aus

Damit kommen wir zum mühseligen Part. Ihr wechselt in den Kontrollpunkteditor und sucht euch auf der linken Seite das richtige Nadirbild und auf der rechten Seite das verschobene Nadirbild. Da wir ja von Belichtungsreihen sprechen, liegt jedes dieser Bilder x-mal vor. Ihr beginnt also bei der längsten Belichtungen und weißt manuell 10-20 Kontrollpunkte zwischen den beiden Ausgangsbildern zu. Das ist der Zeitpunkt an dem ihr euch darüber freut, wenn das Stativ richtig ausgerichtet auf einem markanten Boden gestanden ist – und wo ihr flucht, wo ihr das Stativ auf einem Kopfsteinpflaster zwischen den Bildern verdreht habt. Ist das Zuweisen in dieser einen Bilderkombination erledigt, könnte man meinen, ptgui überträgt ebenso wie bei der Maskierung das Ergebnis auf alle anderen Teile der Belichtungsreihe. Dem ist aber leider nicht so. Das bedeutet, dass ihr diese Zuweisungen in jeder Belichtungsstufe der Ausgangsbilder wiederholen müsst. Die Kontrollpunkte müssen dabei nicht 100% matchen, da ihr im Anschluss ohnehin den Optimizer darüberlaufen lassen müsst.

Besser als ein Mensch das kann

In den Tab des Optimizers wechselt ihr, wenn wirklich alle Bildpaare mit Kontrollpunkten bestückt wurden. Als erstes schaltet ihr dort in den Advanced Mode (Oh Mann, seid ihr fortgeschritten). Dann seht ihr eine Tabelle aller Ausgangsbilder mit Checkboxen, welche Optimierungen anzuwenden sind. Alles so belassen wie es ist und nur bei dem verdrehten Nadirbild die ‚Viewpoint-Correction‘ einschalten. Auf ‚Start‘ drücken und hoffen. Der Optimizer berechnet jetzt die Kontrollpunkte neu bzw. optimiert die existierenden Punkte und gibt neben den Detailinformationen eine zusammenfassende Meldung aus:

  • This is very good
  • This is good
  • This is not so good
  • This is bad
  • This is very bad
  • Failed to optimize

Ihr könnt euch ausmalen, was was bedeutet. In allen Fällen sollte man sich das Ergebnis im Panoramaviewer anschauen, bevor man verzweifelt. Sind noch Fehler zu sehen, heißt es weiter Kontrollpunkte manuell verschieben und neu setzen, wieder den Optimizer laufen lassen bis ptgui zufrieden ist.
Wenn dann endlich alles passt, kommt der Moment, in dem ihr euch das erste Mal euren Planeten anschauen dürft.

Planet HDR calling

Bevor ihr weiterlest, solltet ihr allerdings unbedingt eine Sicherungskopie von dem Projektfile in ptgui anlegen, dazu gleich mehr. Bisher habt ihr dem Panoramaviewer überlassen, in welcher Art und Weise das 360° Panorama auf euren flachen Bildschirm projeziert wurde. Das ändert ihr jetzt über das Dropdown Menü mit den Projektionen im Panoramaviewer. Hier könnt ihr neben den ’normalen‘ Panoramaprojektionen auch einige ziemlich abgefahrene auswählen, was uns aber interessiert ist der letzte Eintrag in der Liste: ‚300° Stereographic Down – Little Planet‘. An dieser Stelle solltet ihr noch über das ‚+‘ Icon in der Toolbar des Viewers den Centerpoint des Panoramas festlegen. Dieser Punkt wird zwar nicht zum Zentrum des Planeten, aber in der vertikalen Ausrichtung wird das Zentrum des Panoramas auf dem Planeten sozusagen der (nicht wie auf der Erde verschobene) Nordpol sein. Wenn ihr also etwas markantes in eurem Panorama habt, das senkrecht nach oben aus dem Planeten stechen soll, müsst ihr nur den Centerpoint an diese Stelle legen. Nachdem das erledigt ist und ihr die Projektion umgestellt habt, rechnet ptgui wieder ein wenig (wobei sich hier mal das Zusehen lohnt) und zeigt dann endlich den Planeten an. Bei zu kleinen Plätzen bzw. zu hohen Gebäuden bzw. zu wenig Himmel kann es jetzt dazu kommen, dass Teile des Planeten über den Bildrand hinausgehen. Das kann in gewissem Umfang noch über die Schieberegler rechts und unten neben der Vorschau korrigiert werden. Diese Regler ändern das ‚Field of View‘ was im Falle des Planeten in etwa der Flughöhe des Betrachters über dem Planeten entspricht. Erhöht man diese Werte gibt es ‚mehr zu sehen‘ der Planet an sich wird aber kleiner werden. Was ihr euch verkneifen solltet, ist in der Little Planet Projektion den Centerpoint neu zu setzen. Dabei kann es passieren, dass einem das komplette Panorama irreperabel um die Ohren fliegt. Dann hilft nur noch das Neuladen der Sicherungskopie des Projekts (ich hab’s euch gesagt!). Ist es also nötig, den Centerpoint noch zu ändern, wechselt ihr immer erst in die ’normale‘ Kugelprojektion zurück, ändert das Zentrum und schaltet dann wieder auf die ‚Little Planet‘ Projektion um. Wenn ihr zufrieden seit habe ich eine gute Nachricht für euch: Ihr habt es fast geschafft.

Die Nachtschicht starten

Jetzt schaut ihr auf die Uhr und stellt fest, dass es Zeit wird um in’s Bett zu gehen – perfekt. Alles was ihr jetzt noch machen müsst, ist im Ausgabemodul angeben, was und in welcher Größe berechnet werden soll. Das bedeutet, ihr gebt eine Seitenlänge für Höhe und Breite an (ich nehm immer zwischen 4000 und 5000px auf der längeren Seite) und setzt folgende Haken:

  • 32bit HDR image
  • jpgs der einzelnen Belichtungsstufen Ebenen
  • getonemapptes HDR Bild

Damit bekommt ihr ein 32bit HDR, dass ihr in Photomatix tonemappen könnt, aber auch das in ptgui getonemappte Bild. Außerdem lasst ihr euch noch wie bei einem ’normalen‘ HDR die einzelnen Belichtungsstufen des gestitchten Planeten für das Feintuning in Photoshop generieren. Noch ein letztes Mal das Projekt speichern und an den Batch Stitcher schicken. Der Batch Stitcher sollte nur laufen, wenn ihr nicht am Rechner sitzt, der Rechner reagiert in dieser Zeit nämlich so gut wie gar nicht. Wenn ihr also mehr als einen Planeten gemacht habt, macht ihr erst die Vorarbeit für alle und lasst den Batch Stitcher dann über Nacht laufen. Pro Planet rechnet der bei mir zwischen 2 und 4 Stunden. Dabei legt er einige bis viele Gigabyte temporäre Daten auf die Platte, die er aber vor dem Start abschätzen kann, d.h. sollte es knapp oder unmöglich werden, bekommt ihr eine Warnung direkt beim Start bzw. der Batch Builder fängt gar nicht an zu rechnen.
Little HDR Planets erstellen hat etwas von Lochkartenprogrammierung – die ich zwar nie machen musste, aber mir vom Prozess her ähnlich vorstelle. Man macht jede Menge Vorarbeit, gibt das Arbeitsprodukt dann an ein Rechenmonster und erhält Stunden bzw. Tage später ein Ergebnis.

Der Tag danach

Wenn ihr also am ‚Morgen danach‘ auf euren Rechner schaut, der hoffentlich nicht mehr durch den Batch Stitcher lahmgelegt ist (in diesem Fall solltet ihr euch einfach wieder hinlegen), seht ihr zum ersten Mal das, was bald eurer Endergebnis sein könnte. Oder ihr seht, dass euch der Stitching Algorithmus einen Strich durch die Rechnung gemacht hat, nur Müll produziert hat und ihr die Bilder einfach in die Tonne treten könnt – bzw. wieder ganz am Anfang starten könnt.
Ist über Nacht etwas brauchbares entstanden, könnt ihr nun entweder mit z.B. Photomatix auf das 32bit HDR losgehen, oder gleich das getonemappte Bild aus ptgui als Ausgangspunkt für das Photoshop-Feintuning nutzen. Ab hier unterscheidet sich allerdings die Bearbeitung nicht mehr von der Bearbeitung ’normaler‘ HDRs und die ist in meinem HDR Tutorial ausgiebigst beschrieben. Vielleicht ist euch aufgefallen, dass ich kein Wort über das Tonemapping Modul von ptgui verloren habe – ehrlichgesagt habe ich da auch noch nie etwas verstellt. Die getonemappten Bilder kommen sehr natürlich und dezent raus – und wenn es wilder werden soll, setze ich da lieber auf Photomatix.

Einen weiteren kleinen Tipp noch zum Schluss. Bevor ich mir wirklich die Arbeit mache, und mich stundenlang mit einem einzigen Bild beschäftige, lasse ich mir aus Lightroom die Ausgangsbilder in geringer Auflösung raus (ca. 800px auf der längeren Seite) und mache den ganzen Prozess in ptgui mal grob damit durch – alle Schritte gehen dabei wesentlich schneller und man hat innerhalb weniger Minuten einen groben Richtwert, ob sich der Aufwand überhaupt lohnt.

Danke für’s Lesen, Kommentieren, Weitersagen auf Facebook, Google+ und Twitter.
Weitersagen geht übrigens ganz leicht mit folgender Short-URL: 35er.de/planet